Kommentar: Eine Zukunft ohne Cash?

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Elektronische Bezahlmethoden greifen immer weiter um sich. Nach Kredit- und Debitkarten, nach PayPal und Bitcoin, nach Apple Pay und jetzt Google Pay gibt es viele Möglichkeiten, auf das Bargeld im Portemonnaie zu verzichten.

In Schweden werden nur noch 19 Prozent aller Zahlungen in bar abgewickelt, berichtete die Financial Times vor einiger Zeit. Im europäischen Durchschnitt sind es dagegen immer noch etwa 80 Prozent. Dabei sind elektronische Zahlungen schnell, bequem, keimfrei und können sogar die Kriminalität im Zaum halten – von Steuerhinterziehung bis Terrorismus.

Wo mehrheitlich oder ganz und gar nicht bar bezahlt wird, sondern mit Kreditkarte – zum Beispiel in einem “Cash-free Café” in der Londoner Innenstadt mit Namen “Watch House” –, geht es nicht nur irgendwie modern und trendy zu, sondern die Geschäftsinhaber ersparen sich auch mehrere Bankbesuche pro Woche, um ihr eingesammeltes Bargeld auf ein Konto einzuzahlen. Und es macht den Betrieb sicherer: Einbrecher finden kein Bargeld mehr in irgendwelchen Kassen. Doch solches Geschäftsgebaren entspricht nicht dem weltweiten Trend: Das Banknoten- und Münzenvolumen auf der Welt hat in den letzten Jahren sogar zugenommen.

Finanzexperten verweisen als Gründe für diesen ungebrochenen Status-quo riesiger Mengen an Cash auf Faktoren wie niedrige Zinsraten auf Bankanlagen, ein grundsätzliches Mißtrauen in Finanzinstitutionen nach der letzten großen Bankkrise von 2008 und das beständige Wachstum informeller Wirtschaftskreisläufe.

Es mag angesichts der riesigen technologischen Fortschritte und diverser Digitalisierungswellen seltsam anmuten, dass man noch immer mit Geldmünzen in seiner Tasche herumläuft so wie unsere Vorfahren vor fast 3.000 Jahren, als die ersten Münzen auftauchten oder als man mit Muscheln bezahlte.

Es geht letztlich nicht um die Ablösung von Cash

Also alles nur eine Frage der Zeit? Und die Digitalisierung wird schon bald das Ende der guten alten “echten” Zahlungsmittel einläuten? Bei all diesen Debatten wird oft vergessen, dass es sich nur um Formwechsel des Geldes handelt, wenn mit Zahlungsanweisungen per Kreditkarte oder sonstwie Waren oder Dienstleistungen entgolten werden. Es geht immer um einen Gegenwert für den sachlichen Wert, den man eintauschen will. Und den muss man besitzen – entweder als staatlich anerkanntes Zahlungsmittel in Form von Münzen und Banknoten oder eben auf einem verbürgten, garantierten Konto. Und da müssen die registrierten Nummern und Gelder auch irgendwie hingekommen sein, für Verkäufe von Produkten oder Dienstleistungen – alles in einem sehr weiten Rahmen von Arbeitsleistungen bis hin zu geschätzten Werten von Gegenständen, Grundstücken, Häusern oder exklusiven Segelyachten. Nur das, was auf einem Konto gelandet ist, kann auch wieder raus. Gute, zahlungskräftige Bankkunden dürfen sogar ihr Konto überziehen.

Wer also genug auf seinem Konto verbucht hat, der braucht auch kein Bargeld mehr – Hauptsache, seine Kreditkarten sind allgemein anerkannt und auf dem modernsten Stand. Es geht also letztlich gar nicht um die Ablösung von Cash, sondern um andere Formen des Besitzes von „Geld” oder des Bezahlens mit Geld oder einem Ersatzgeld. Egal, um welchen Kartentyp oder welche “Kryptowährung” es sich handelt – Google Pay oder Apple Pay eingeschlossen.

Um auf die Stadt London zurūckzukommen: Wer dort mit der U-Bahn (Underground) unterwegs ist, braucht für einmalige Streckenkarten, zum Beispiel als Tourist, keinen Schalter oder Automaten mehr mit seinen Schlangen davor aufzusuchen – ein kurzer Schwenk der Kreditkarte mit ihrem NFC-Chip für kontaktloses Bezahlen über die Eingangssperre und schon ist man drin. Und hat bezahlt. Besser oder leichter geht es kaum. Kein Warten und Gefummel mit Münzen oder Scheinen am Automaten oder Schalter. Eine Sache der Bequemlichkeit und des Kunden-Service.

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