Der stationäre Handel stirbt nicht, er entwickelt sich weiter

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B2B E-Commerce & E-Business 2019

In der sich verändernden Welt des Handels verbreitet sich das Konzept „Retail-as-a-Service“, bei dem etablierte stationäre Händler Online-Marken ihre Flächen zur Verfügung stellen und Verbrauchern zunehmend Dienstleistungen vor Ort anbieten. Unter dem Motto „Location NOW – Retail as a Service“ wirft die 6. LOCA conference der Location Based Marketing Association (LBMA) einen  Blick auf das Konzept, die Möglichkeiten und die nötigen Technologien und Lösungen. Das branchenübergreifende Programm der Konferenz ermöglicht es allen Akteuren, mit Entscheidern aus anderen Industrien in Kontakt zu treten und sich auszutauschen. Die zweitägige Konferenz findet am 06. und 07. Februar 2020 im Kurhaus in Wiesbaden statt. 

Seit mehreren Jahren ist nun schon vom Tod der Innenstädte und dem Ende der Geschäfte zu lesen. Die Krise zeigt sich in so manchen Kennzahlen. Das Wachstum der Branche zum Beispiel steht kurz vor dem Stillstand. Nahm der Umsatz laut dem Handelsverband Deutschland (HDE)2018 noch um 2,3 Prozent (preisbereinigt ein Prozent) zu, erwartet der Verband für 2019 nur mehr in Plus von zwei Prozent (preisbereinigt 0,5 Prozent). Die geringen Zuwächse der Branche stammen zudem fast ausschließlich aus dem Online-Segment, dieses legte 2018 um 9,7 Prozent zu, 2019 sollen es 9,1 Prozent werden. Für den stationären Handel hingegen erwartet der HDE für 2019 ein nominales Umsatzplus von 1,2 Prozent. Preisbereinigt wäre das wohl ein Minus.

Sinkende Umsätze, schließende Geschäfte, stagnierende Flächen

Dementsprechend warnt der HDE auch, dass bis 2025 jeder zehnte Laden verschwinden könnte – das entspricht gut 50.000 Geschäften. Zudem rechnet nicht einmal mehr jeder dritte Einzelhändler mit wachsenden Umsätzen in diesem Jahr. Der Blick auf die Handelsfläche ergibt ein ähnliches Bild. So verharrt die Pro-Kopf-Verkaufsfläche in Deutschland seit einigen Jahren bei etwa 1,45 Quadratmeter pro Einwohner. Dies geht aus einer Studie der GfK sowie Zahlen des HDE hervor.

Die GfK-Studie zeigt aber noch etwas anderes: In Deutschland liegt die Flächenproduktivität im Einzelhandel bei 3.500 €/m². Im europäischen Vergleich ist das nur Mittelmaß. So kommt Spitzenreiter Luxemburg auf etwa  7.250 €/m², auf den Plätzen zwei und drei folgen Norwegen (ca. 6.430 €/m²) und die Schweiz (ca. 6.220 €/m²). Selbst die Tschechische Republik, die als ehemaliger Ostblock-Staat in Sachen Retail viel aufzuholen hatte, liegt hier inzwischen vor Deutschland.

Der Handel entwickelt sich weiter

„Viele Händler reagieren auf diese Entwicklungen mit der Schließung von Standorten und der Entlassung von Personal. Damit zeigen sie jedoch nur, dass sie zu groß, zu träge oder zu einfallslos sind, um sich an die veränderten Kundenbedürfnisse anzupassen“, erklärt Carsten Szameitat, Vorstandsvorsitzender der Location Based Marketing Association (LBMA) e.V. und Initiator der LOCA conference. Bei dieser „Retail Apocalypse“ handle es sich aber nur um den ersten Teil einer Evolution des Handels, die bereits in die nächste Phase übergeht. „Junge Unternehmen und solche Händler, die sich rechtzeitig um eine Veränderung bemüht haben, füllen inzwischen die freigewordenen Plätze. Diese Händler und Marken testen neue Konzepte oder wenden sie bereits erfolgreich an und zeigen so, dass stationärer Handel immer noch funktionieren kann.“

Eines der zentralen Konzepte hierbei ist Retail-as-a-Service. Dabei bieten etablierte stationäre Händler ebenso wie spezialisierte Start-ups Marken und Herstellern Flächen an, auf denen sie sich selbst präsentieren können. Sie richten sich damit vor allem an Online-Pure-Player, die die Vorteile des stationären Handels nutzen wollen, aber keine Erfahrung damit haben. Die Angebote umfassen dabei die Infrastruktur und Personal vor Ort sowie zusätzliche Dienstleistungen für die Verbraucher. Im Zentrum von Retail-as-a-Service steht dabei – wie bei allen modernen Konzepten im stationären Handel – das Einkaufserlebnis. „Wenn ich ein Fazit aus unseren RetailTouren durch zahlreiche Städte im In- und Ausland ziehen kann, dann dass stationäre Händler mit einer Mischung aus Convenience, Beratung und Shopping-Experience bei den Kunden punkten“, erklärt auch Carsten Szameitat.

Neue Checkout-Methoden

Was das genau bedeutet, ist allerdings stark vom Händler selbst, seinen Produkten und seinem Markenkern abhängig. Und während Retail-as-a-Service in Deutschland noch eher die Ausnahme ist sind in Sachen Shopping-Experience inzwischen einige Händler zum Vorbild geworden. IKEA zum Beispiel setzt in Deutschland auf neue Check-Out-Methoden: Dirk Rummel, Leiter Payment bei Ikea Deutschland, erklärte auf der LOCA conference 2019, dass inzwischen 42 Prozent aller Einkäufe bei IKEA an Self-Checkout-Kassen ablaufen. Auf diesen Zahlen aufbauend plant das Unternehmen mobile Self-Scanning-Lösungen mit Bezahlfunktion einzuführen. Die Adolf Würth GmbH wiederum teilte in Wiesbaden Insights zu ihrem kassenlosen Markt, der 24 Stunden von Montag bis Samstag ohne Personal geöffnet hat. Inzwischen gibt es neben der Testfiliale in Vöhringen bereits Würth24 Stores in Waiblingen, Ludwigsburg, Esslingen, Mannheim, Ulm und Kempten, was den Erfolg des Konzeptes unterstreicht.

MediaMarktSaturn wiederum hat es geschafft, seinen Onlineshop mit den Filialen zu verzahnen, was viele Komfortoptionen bringt, wie zum Beispiel das Abholen von Bestellungen im Markt, die Rückgabe vor Ort oder eine Verfügbarkeitsprüfung von Produkten in der Filiale. Mit der Nutzung neuer Technologien wie etwa dem Roboter Pepper wiederum erzeugt der Technikhändler ein Einkaufserlebnis, das seinem Markenkern entspricht. Neue Checkout-Methoden testet das Unternehmen ebenfalls. Auf den LOCA-Konferenzen der vergangenen Jahre hat Martin Wild, Chief Innovation Officer bei MediamarktSaturn, die Schritte seines Unternehmens regelmäßig erläutert. Auch am 06. und 07. Februar 2020 dürfen sich die Konferenzteilnehmer auf ein Update aus seinem Haus freuen – neben aktuellen Entwicklungen aus den Bereichen POS-Payment, digitalen Store-Konzepten, neuen Technologien für den Handel und mehr.

„Für die stationären Geschäfte und die Innenstadt bedeuten diese Entwicklungen: Sie werden sich von einem Ort, an dem Umsatz erzielt wird, hin zu einem Ort von Beratung, Kundenbindung und Erlebnis wandeln“, führt Szameitat aus. „Die Umsätze werden immer stärker in den Online-Kanal wandern – die Filialen entscheiden darüber, in welchem Onlineshop der Kunde sein Geld ausgibt.“