Steht die Zukunft des Einzelhandels auf Messers Schneide?

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Die Inflation steigt und Einzelhändler müssen sich warm anziehen, um das Vertrauen der Verbrauchenden weiter aufrechtzuerhalten. Die Bewerkstelligung dieser Aufgabe liegt in einem Zusammenspiel aus neuen Technologien und menschlicher Interaktion.

Der Krieg in der Ukraine, die Rohstoffkrise und die Nachwirkungen der Corona-Pandemie: All das lässt die Inflation in Rekordhöhen schießen und die Preise im Einzelhandel steigen. Allein im Juni 2022 betrug die Inflationsrate laut Destatis 7,6 Prozent – im Jahr zuvor waren es nur 2,3 Prozent. Doch nicht nur die Preise für die Verbraucher steigen, sondern auch die Einzelhändler selbst müssen höhere Lieferantenpreise zahlen. Wie kann es der Handel schaffen, trotz hoher Inflation einen fairen Preis an die Verbrauchenden weiterzugeben und trotzdem Umsatz zu generieren? Neben Technologien sollte der Fokus auch auf dem Ausbau der bereits gegebenen Vorteile des Einzelhandels liegen.

Verunsicherung und Herausforderung als neuer Alltag des Einzelhandels?

 Der stationäre Handel hat sich weitestgehend gewandelt. Onlineshopping ist zum wesentlichen Bestandteil des Kaufverhaltens geworden. Allein in den letzten vier Jahren ist der Umsatz im deutschen B2C E-Commerce-Markt jedes Jahr um durchschnittlich 12,7 Milliarden Euro gewachsen, während der Lebensmitteleinzelhandel seit Januar 2022 im Vergleich zum Vorjahr monatlich einen Umsatzverlust von mindestens einem Prozent verzeichnet. Im Online-Handel stehen sich Internet Pure Player und traditionelle Einzelhändler nicht mit gleichen Waffen gegenüber. Um ihr Modell aufzuwerten, müssen stationäre Einzelhändler einen Omnichannel-Ansatz verfolgen und zeigen, dass das physische Geschäft einen echten Mehrwert in der Customer Journey bietet.

Eine weitere Herausforderung ist der Preisanstieg innerhalb der gesamten Handelskette. Viele Einzelhändler haben sich in der Vergangenheit durch Preissenkungen attraktiv gemacht und so von ihrer Konkurrenz abgegrenzt. Diese Strategien sind nicht mehr umsetzbar, da auch die Preise der Lieferanten steigen. Amazons Rentabilität wird durch seine äußerst profitablen Cloud-Computing-Dienste sichergestellt. Dadurch hat der Internetriese die Möglichkeit, eine aggressive Preisstrategie zu fahren und dauerhaft niedrige Preise anzubieten. Traditionelle Einzelhändler haben diesen Luxus nicht. Hinzu kommt auch die Verhaltensänderungen der Verbrauchenden. Derzeit geben Konsumierende ihr Geld nur noch für Produkte aus, die sie wirklich benötigen und der Ansturm auf Sonderangebote steigt. Damit der Einzelhandel weiterhin attraktiv bleibt, braucht es neue Strategien.

Menschliche Interaktionen vs. Technologie

Während der Corona-Pandemie kam der Einzelhandel ins Schwanken. Insbesondere die Branchen, die nicht im Lebensmittelsektor beheimatet waren, waren gezwungen, ihre Geschäfte vorübergehend zu schließen. Einige Einzelhändler erweiterten ihr stationäres Business um den Online-Handel. Lebensmittelläden gingen dazu über, neben dem Vor-Ort-Geschäft, ebenfalls Lebensmittellieferungen anzubieten und das mit Erfolg. 2019 kauften rund 3,54 Millionen Deutsche ihre Lebensmittel online – 2022 sind es fast zwei Millionen mehr, nämlich 5,03 Millionen.

Das Verhältnis von Offline- zum Online-Einkaufen hat sich durch die Pandemie spürbar verändert. Laut einer Studie von Shopify und Angus Reid, kaufen mittlerweile 26 Prozent der Befragten sowohl im Geschäft, als auch über das Internet. Vor Corona lag die Zahl gerade mal bei 18 Prozent. Doch trotzdem ist das Einkaufen vor Ort immer noch die beliebteste Form der Deutschen.

Vor allem sehen viele Deutsche den stationären Handel nach wie vor als wichtigen Kontaktpunkt, wie aus einer Studie von Ayden hervorgeht. Während der Pandemie hatten viele mit dem Alleinsein zu kämpfen und Geschäfte waren in dem Fall ein Lichtblick für die menschliche Interaktion. Allerdings sind die Verbraucher heute an optimierte und unkomplizierte Online-Einkaufserlebnisse gewöhnt. Der physische Handel muss ein ebenso gutes Erlebnis bieten. Neue Technologien können dies unterstützen.

Reibungslose Kundenerlebnisse durch Data Science und Automatisierungen

Autorin: Valentine Dreyfuss ist Gründerin und CEO von Mercio, einem Preismanagement Software-Anbieter aus Frankreich. Das Startup wurde 2020 gegründet und beschäftigt derzeit 18 Mitarbeitende. Das SaaS-Unternehmen macht es Einzelhändlern möglich, die unterschiedlichsten Preisstrategien umzusetzen. Die Plattform basiert auf einer In-Memory-Technologie, die riesige Datenmengen schnell berechnet. Dabei werden die Konsistenz der Preise geprüft, Preisveränderungen automatisch berechnet und die Marge entsprechend angepasst.(Bild: © Caroline Maufroid) )

Wenn die Verbraucher im Internet von ihren Sofas aus alles finden können, was sie suchen, wird der Besuch im Geschäft zu einer bewussten und gewählten Entscheidung. Jede im stationären Einzelhandel eingeführte Technologie sollte daher dem Verbraucher das bieten, wofür er in den Laden kommt: Ein reibungsloses Einkaufserlebnis. Daher ist das Ziel, mit neuen Technologien den Fachkräften einen Teil ihrer Arbeit abzunehmen, damit sie mehr Zeit für das Wesentliche haben – die professionelle Beratung und den Kontakt zu den Kunden. Technologien wie selbst-scannende Kassen, intelligente Informations-Boards oder automatisiertes Lagermanagement verfolgen dieses Ziel.

Um das Vertrauen der Verbraucher zu gewinnen, ist zudem eine gute Positionierung gegenüber der Konkurrenz wichtig. Ebenso wichtig ist eine stimmige Preisgestaltung. Die Verbraucher haben den Laden betreten. Nun müssen die angezeigten Preise mit dem Wert, den sie den Produkten geben, übereinstimmen. Data-Science- und Value-Based-Pricing-Technologien ermöglichen dies.

Der stationäre Handel muss seine Vorteile nutzen, um für Kunden attraktiv zu bleiben und nicht nur als Inspiration für Produkte zu dienen, die anschließend bei einem Internet Pure-Player gekauft werden. Automatisierte Technologien und Preismanagement-Software werden die Zukunft des Einzelhandels prägen und es Einzelhändlern ermöglichen, ein starkes Vertrauensverhältnis zu ihren Kunden aufzubauen.