Wo der stationäre Handel die Nase vorn behält

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Es war wohl etwas voreilig, einen Totenschein für das gute alte Ladengeschäft auszustellen, nur weil es an ein paar Stellen zwickt. Aktuelle Studien zeigen: Der Laden lebt, und das könnte auch noch eine ganze Weile so bleiben.

Reisebüros, Buchhandlungen, sogar Trödelmärkten haben Experten schon Mitte der Neunziger ein baldiges Ende ihres stationären Daseins vorhergesagt. Online-Händler, -Dienstleister und -Plattformen sollten an ihre Stelle treten – und, zugegeben, sie haben das auch getan. Allerdings, ohne dem stationären Handel dadurch den Garaus zu machen.

Wie eine  Umfrage des Logistik-Dienstleisters Centiro und des Softwarehauses JDA Software zeigt (https://now.jda.com/JDA-Consumer-Report-DE.html), wissen die Ladengeschäfte immer noch einen guten Teil der Bevölkerung hinter sich. In Schweden, Großbritannien und den USA gaben jeweils mehr als die Hälfte aller Befragten an, sie gäben dem Einkauf in einem stationären Geschäft gegenüber allen anderen Arten des Shoppings den Vorzug, und auch in Deutschland schließt sich immer noch jeder dritte diesem Standpunkt an. Weltweit betrachtet, ist für 38 Prozent das Ladengeschäft die wichtigste Bezugsquelle, und speziell beim Kauf von Lebensmitteln geben – Amazon Fresh und Co. zum Trotz – 43 Prozent dem stationären Handel den Vorzug.

Was die Kunden in den Laden lockt

Auf die Frage, welches Kriterium den Kunden beim Einkauf im Laden am wichtigsten ist, gab es zwei hauptsächliche Antworten. In Deutschland, Schweden und Großbritannien gaben die Käufer an, ihnen sei es besonders wichtig, dass die gewünschten Produkte im Laden verfügbar seien. In China, Italien und Frankreich legen Käufer dagegen noch mehr Wert auf Produktvielfalt.

Apropos China: In allen Belangen hat das Land im fernen Osten die Nase vorn, wenn es um moderne Technologie im Einzelhandel geht. So nutzen 14 Prozent der Käufer in Europa interaktive Anzeigen, in China sind es 22 Prozent. Nur fünf Prozent aller Europäer lassen sich von Robotern bedienen oder beraten, in China sind es mit 13 Prozent fast drei mal so viele. Und bei der Nutzung von Augmented Reality Systemen liegt China mit einem Anteil von 37 Prozent klar vor Europa, wo nur 10 Prozent solche Systeme nutzen.

Ein wichtiger Grund, nach wie vor den stationären Einzelhandel aufzusuchen, ist auch der Boom von Click & Collect. Zwei von drei europäischen Kunden holen ihre online georderten Waren im Laden ab, in China und den USA sind es sogar fast drei von vier.

Neben dem offensichtlichen Grund – der Ersparnis von Versandkosten – schätzen Kunden an Click & Collect die schnelle Verfügbarkeit. Selbstabholung ist bestenfalls schneller als Same Day Delivery, und außerdem flexibler als jede Versandoption.

Click & Collect verbindet die Vorzüge des Online-Handels mit den Vorteilen des stationären Einzelhandels: Während beim reinen Online-Handel Fachberatung oft nur sehr eingeschränkt zu bekommen ist, kann der Kunde sich beim Click & Collect vor Ort beraten lassen, wenn er die bestellte Ware abholt. Und während der Kunde bei einem reinen Online-Einkauf allenfalls eine Liste mit „Kunden, die … kauften, kauften auch…“-Produkten zu sehen bekommt, kann er bei Click & Collect die Komplementärprodukte vor Ort begutachten und dann bei Bedarf gleich mitnehmen.

Aller Anfang ist online

Die oben genannte Studie hat auch untersucht, in welchen Fällen Kunden – ob sie nun den Kauf online oder im Laden abschließen – ihre Customer Journey online beginnen. Im Wesentlichen hängt das von der Warenkategorie ab. Beim Kauf von Elektrotechnik beginnen fast zwei von drei Kunden ihre Recherche online, bei Haushaltsgeräten und Mode sind es immerhin noch die Hälfte, und nur beim Lebensmittelkauf überwiegt die Zahl der Kunden, die ihre Produktsuche im stationären Handel beginnen. Interessant dabei ist, dass gerade die jungen Konsumenten zwischen 18 und 34 Jahren eher dazu neigen, aufgrund von Empfehlungen aus dem Freundes- oder Familienkreis einzukaufen.

 „Der stationäre Handel ist nach wie vor gefragt Händler müssen allerdings die Balance zwischen einer hochgradig personalisierten Shopping-Erfahrung im Internet und dem Einkaufserlebnis im Laden finden. Wir sehen diese Entwicklung unter anderem daran, dass Online-Händler verstärkt stationäre Geschäfte eröffnen, um ihr digitales Angebot zu ergänzen und klassische Händler wiederum in ihr Online-Angebot investieren.“

Lee Gill, Group Vice President Global Retail Strategy bei JDA (https://jda.com/)

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